Aussaat-Wissen6 Min. Lesedauer

Lichtkeimer oder Dunkelkeimer? Samen richtig säen

Wenn eine Aussaat lückenhaft aufgeht, ist selten das Saatgut schuld. In den allermeisten Fällen lag das Korn zu tief oder zu frei. Beides ist derselbe Fehler mit umgekehrtem Vorzeichen, und beides lässt sich in zehn Sekunden vermeiden, wenn man weiss, zu welcher Gruppe die Kultur gehört.

Inhalt dieses Artikels (7 Abschnitte)
  1. 1Warum die Saattiefe über den Keimerfolg entscheidet
  2. 2Lichtkeimer: andrücken statt bedecken
  3. 3Der Rest: bedecken
  4. 4Der hartnäckigste Irrtum: Möhren sind keine Lichtkeimer
  5. 5Die Keimtemperatur ist die zweite Stellschraube
  6. 6Gleichmässig feucht: die eigentliche Fehlerquelle
  7. 7Wenn nichts kommt: die kurze Checkliste

Warum die Saattiefe über den Keimerfolg entscheidet

Ein Samenkorn trägt genau so viel Reservestoff mit sich, wie es braucht, um aus der vorgesehenen Tiefe ans Licht zu wachsen. Liegt es tiefer, geht die Reserve unterwegs aus. Der Keimling stirbt im Dunkeln ab, und oben ist nie etwas zu sehen. Liegt es zu frei, trocknet es zwischen zwei Giessgängen aus, und die begonnene Keimung bricht ab.

Die Saattiefe ist damit die Stellschraube mit dem grössten Effekt. Welche Tiefe richtig ist, hängt an einer einzigen Eigenschaft: ob die Art zum Keimen einen Lichtreiz braucht oder nicht.

Lichtkeimer: andrücken statt bedecken

Lichtkeimer sind fast durchweg Arten mit sehr feinem Saatgut. Ihr Korn hat nicht genug Reserve, um sich durch eine Erdschicht zu schieben. Der Lichtreiz ist gewissermassen die Rückversicherung, dass es bereits oben liegt. Diese Samen werden auf die feuchte Erde gestreut und nur angedrückt, damit sie Bodenkontakt haben.

Aus dem Naschbalkon-Lexikon gehören dazu:

  • Kräuter: Basilikum, Thymian, Rosmarin, Oregano, Dill, Salbei, Majoran, Bohnenkraut, Zitronenmelisse, Bergminze, Sand-Thymian, Winter-Bohnenkraut, Griechischer Bergtee, Kerbel
  • Salate und Blattgemüse: Pflücksalat, Rucola, Tripmadam, Endivie, Gartenkresse
  • Beeren und Fruchtgemüse: Monatserdbeere, Wald-Erdbeere, Andenbeere
  • Essbare Blüten: Lavendel, Schafgarbe, Goldmelisse, Mehliger Salbei, Duftsteinrich, Gänseblümchen

Das sind 28 Kulturen. Für 39 weitere ist im Lexikon ausdrücklich vermerkt, dass sie ohne Lichtreiz keimen — bei den übrigen ist der Keimtyp nicht erfasst, meist weil sie gar nicht aus Samen gezogen werden. Weil Lichtkeimer ungeschützt obenauf liegen, ist bei ihnen die Feuchtigkeit das kritische Thema, dazu unten mehr.

Basilikum ist Lichtkeimer: Die Samen werden nur angedrückt, nicht mit Erde bedeckt.
Basilikum ist Lichtkeimer: Die Samen werden nur angedrückt, nicht mit Erde bedeckt.

Der Rest: bedecken

Die meisten Arten sind gar keiner der beiden Gruppen zuzurechnen: Sie keimen lichtneutral, ob Licht ans Korn kommt, ändert nichts. Bedeckt werden sie trotzdem, und zwar aus einem praktischen Grund — frei liegendes Saatgut schwemmt beim Giessen weg und trocknet zwischen zwei Gängen aus.

Für die Aussaat läuft es damit auf dieselbe Handbewegung hinaus. Betroffen ist praktisch das gesamte Fruchtgemüse, alle Wurzel- und Zwiebelgemüse und ein grosser Teil der Kräuter:

  • Fruchtgemüse: Tomate, Cherrytomate, Chili, Snackpaprika, Aubergine, Gurke, Zucchini, Kürbis
  • Hülsenfrüchte: Buschbohne, Stangenbohne, Erbse, Zuckererbse
  • Wurzel- und Zwiebelgemüse: Möhre, Radieschen, Rote Bete, Knollenfenchel, Zwiebel, Frühlingszwiebel, Knoblauch, Lauch
  • Blattgemüse: Spinat, Mangold, Rucola, Asia-Salat, Feldsalat, Winterportulak, Pak Choi, Kohlrabi, Palmkohl
  • Kräuter: Petersilie, Schnittlauch, Schnittknoblauch, Koriander, Minze

Wer sich nicht erinnert, liegt mit „bedecken“ also statistisch fast immer richtig. Der umgekehrte Fehler, feines Saatgut offen liegen zu lassen, das keinen Lichtreiz braucht, kostet die ganze Aussaat.

Eine kleine Gruppe darin keimt sogar messbar schlechter, wenn Licht ans Korn kommt — im Lexikon zum Beispiel der Feldsalat. Für die Praxis macht das keinen Unterschied: Die Handbewegung ist dieselbe.

Der hartnäckigste Irrtum: Möhren sind keine Lichtkeimer

In vielen Ratgebern stehen Möhren, Rüebli oder Karotten in der Liste der Lichtkeimer. Das ist falsch, und es ist ein teurer Fehler: Wer Möhrensamen nur andrückt, verliert sie beim ersten kräftigen Giessen oder Regen. Sie schwemmen weg oder trocknen aus.

Die Möhre ist lichtneutral — sie keimt mit und ohne Lichtreiz. Bedeckt wird sie also nicht, weil ihr Licht schadete, sondern weil frei liegendes Saatgut nicht an Ort und Stelle feucht bleibt. Sie wird dünn in eine Rille gesät, leicht bedeckt und dann bis zum Auflaufen gleichmässig feucht gehalten. Zwei bis drei Wochen dauert das, und das ist die heikelste Phase der ganzen Kultur.

Möhren beziehungsweise Rüebli keimen lichtneutral und werden dünn in Rillen gesät und leicht bedeckt.
Möhren beziehungsweise Rüebli keimen lichtneutral und werden dünn in Rillen gesät und leicht bedeckt.

Die Keimtemperatur ist die zweite Stellschraube

20–25°CTomate, Chili, Paprika
12–18°CSalat, Kräuter
8°CMöhre, Radieschen (Minimum)

Selbst bei richtiger Saattiefe passiert nichts, wenn die Bodentemperatur nicht stimmt. Gemeint ist die Erde im Topf und nicht die Zimmerluft: Auf einer kalten Fensterbank über einer ungeheizten Nische liegt sie leicht fünf Grad tiefer als der Raum.

In die andere Richtung gibt es ebenfalls eine Grenze: Feldsalat und Winterportulak keimen über rund 22 °C schlecht bis gar nicht. Wer sie Anfang August bei Hitze sät, hält lückenhaften Aufgang später für schlechtes Saatgut. Tatsächlich war es einfach zu warm.

Gleichmässig feucht: die eigentliche Fehlerquelle

Die meisten fehlgeschlagenen Aussaaten scheitern daran, dass die Oberfläche zwischendurch einmal abgetrocknet ist, seltener an der Tiefe. Ein Korn, das mit dem Quellen begonnen hat und dann austrocknet, keimt nicht mehr. So gehst du vor:

  1. Erde vor der Aussaat durchfeuchten, nicht erst danach. Trockene Anzuchterde nimmt Wasser nur widerwillig an.
  2. Nach der Aussaat mit einer Sprühflasche arbeiten statt mit der Kanne, sonst schwemmt der Strahl feines Saatgut zusammen.
  3. Bis zum Auflaufen eine Haube, einen Deckel oder Klarsichtfolie auflegen. Das hält die Feuchtigkeit und ist bei Lichtkeimern wichtiger als bei allen anderen.
  4. Täglich kurz lüften, damit sich kein Schimmel bildet.
  5. Sobald die ersten Keimlinge stehen, Abdeckung weg und hell stellen, sonst vergeilen die Sämlinge innerhalb weniger Tage.

Wenn nichts kommt: die kurze Checkliste

Bevor du neues Saatgut kaufst, geh diese fünf Punkte durch. In aller Regel steckt die Ursache in einem davon:

  • Zu tief gesät: bei feinem Saatgut reicht schon ein halber Zentimeter zu viel.
  • Zwischendurch abgetrocknet, oft unbemerkt über einen warmen Nachmittag.
  • Zu kalt: Bodentemperatur unter dem Minimum der Art gemessen, nicht die Raumluft.
  • Zu nass ohne Abzug: dann faulen die Körner, statt zu keimen.
  • Saatgut zu alt. Petersilie, Schnittlauch und Zwiebeln verlieren schon nach ein bis zwei Jahren deutlich an Keimkraft, Tomaten und Bohnen halten weit länger.

Ein Keimtest schafft Klarheit: zehn Körner auf feuchtes Küchenpapier in eine verschlossene Dose, warm stellen, nach einer Woche zählen. Keimen weniger als die Hälfte, lohnt die Packung nicht mehr.

Passende Steckbriefe im Lexikon

Aussaatfenster, Topfgrösse und Nachbarn für die Kulturen aus diesem Artikel.

Erleichter dir das Gärtnern mit Naschbalkon

Aussaatfenster nach deiner Seehöhe, Warnung vor Spätfrost und ein Plan für deine Kisten & Hochbeete, auf dem Smartphone, ohne Konto.