Pflege & Giessen7 Min. Lesedauer

Hochbeet & Balkonkasten richtig giessen: Staunässe vermeiden

Vertrocknet und ertrunken sehen an der Pflanze fast gleich aus: schlaffe Blätter, hängende Triebe. Deshalb ist Übergiessen so verbreitet: Man sieht das Symptom, deutet es als Durst und macht das Problem grösser. Der Unterschied lässt sich nur in der Erde feststellen, nicht am Blatt.

Inhalt dieses Artikels (7 Abschnitte)
  1. 1Warum Topfpflanzen anders trocknen als Beete
  2. 2Verdunstung ist zweierlei
  3. 3Was das Gefässmaterial ausmacht
  4. 4Der Fingertest schlägt jeden Giessplan
  5. 5Staunässe sieht aus wie Trockenheit
  6. 6Was sich bei einer Hitzewelle ändert
  7. 7Ein paar Tage weg

Warum Topfpflanzen anders trocknen als Beete

Das Erdvolumen im Topf ist begrenzt und rundherum von Luft umgeben. Daraus folgen drei Dinge: Die Erde erwärmt sich am Tag deutlich stärker als Gartenboden, es kühlt nachts stärker aus, und es hat keinen Anschluss an tiefere, feuchte Schichten. Was verdunstet ist, ist weg. Nachgeliefert wird nichts.

Dazu kommt der Wind, dessen Wirkung fast immer unterschätzt wird: Er trägt die feuchte Luftschicht direkt über Blatt und Erde laufend ab und ersetzt sie durch trockene. Ein windiger, bewölkter Tag kann deshalb mehr Wasser kosten als ein windstiller sonniger.

Verdunstung ist zweierlei

Der Begriff Evapotranspiration fasst die beiden Wege zusammen, auf denen Wasser aus dem Gefäss verschwindet. Er ist die Summe, nicht einer der beiden Teile:

  • Evaporation: Verdunstung von der Erdoberfläche und, bei Ton, durch die Gefässwand. Sie hängt an Temperatur, Wind und daran, wie viel Erde offen liegt.
  • Transpiration: Wasserabgabe der Pflanze über die Spaltöffnungen der Blätter. Sie steigt mit der Blattmasse. Eine ausgewachsene Tomate verdunstet ein Vielfaches eines Sämlings.

Praktisch heisst das: Der Bedarf steigt im Lauf der Saison auch dann, wenn das Wetter gleich bleibt, weil die Pflanze grösser wird. Und er lässt sich senken, indem man die offene Erde abdeckt. Eine Mulchschicht aus Rasenschnitt oder Häcksel bremst die Evaporation spürbar, ohne der Transpiration etwas zu nehmen.

Was das Gefässmaterial ausmacht

Zwischen zwei Gefässen gleicher Grösse kann der Giessbedarf um die Hälfte auseinanderliegen, allein wegen des Materials:

  • Ton, unglasiert: verdunstet zusätzlich über die poröse Gefässwand. Die Erde bleibt dadurch kühler, trocknet aber deutlich schneller aus. Für mediterrane Kräuter genau richtig, für Tomaten im Hochsommer anstrengend.
  • Kunststoff: dichte Wand, kein Verlust seitlich. Hält am längsten feucht, heizt sich in der Sonne aber stark auf. Dunkle Töpfe können die Wurzeln regelrecht kochen.
  • Stoff- und Vliestöpfe: belüften die Wurzeln gut und verhindern Kringelwurzeln, verdunsten dafür über die gesamte Fläche. Bei Hitze täglich, unter Umständen zweimal.
  • Metall und Zink: heizen sich am stärksten auf und geben die Wärme direkt an die Erde weiter. Am besten mit einem Innentopf aus Kunststoff arbeiten.

Der Fingertest schlägt jeden Giessplan

Feste Giesszeiten funktionieren nicht, weil der Bedarf mit Wetter, Pflanzengrösse und Gefäss schwankt. Verlässlich ist nur die Prüfung selbst:

  1. Finger zwei bis drei Zentimeter tief in die Erde stecken, nicht nur die Oberfläche antasten, die trocknet immer zuerst ab.
  2. Fühlt es sich in dieser Tiefe trocken an, wird gegossen. Fühlt es sich feucht an, wird nicht gegossen, auch wenn die Blätter hängen.
  3. Durchdringend giessen, bis unten Wasser austritt. Häufige kleine Gaben halten die Wurzeln oben und machen die Pflanze empfindlicher.
  4. Nach dreissig Minuten den Untersetzer leeren.
  5. Alternativ das Gefäss anheben: Das Gewicht ist bei kleinen Töpfen der schnellste Indikator, sobald man das Gefühl dafür hat.

Am besten morgens giessen. Dann steht der Pflanze das Wasser für den Tag zur Verfügung, und Blätter, die dabei nass werden, trocknen bis zum Abend ab.

Staunässe sieht aus wie Trockenheit

Stehen die Wurzeln dauerhaft im Wasser, bekommen sie keinen Sauerstoff mehr und sterben ab. Die Pflanze kann dann kein Wasser mehr aufnehmen und lässt die Blätter hängen, dasselbe Bild wie bei Trockenheit. Wer daraufhin mehr giesst, beschleunigt den Verlauf.

  • Erde riecht muffig oder säuerlich statt erdig.
  • Blätter hängen, obwohl die Erde in zwei Zentimetern Tiefe feucht ist.
  • Untere Blätter werden gleichmässig gelb und fallen ab.
  • Auf der Oberfläche bildet sich ein grünlicher oder weisser Belag.

Erste Massnahme ist immer der Abfluss: Sind die Löcher offen, ist der Untersetzer leer, sitzt der Topf womöglich in einem dichten Übertopf? Ein Übertopf ohne Loch ist die häufigste Ursache überhaupt.

Was sich bei einer Hitzewelle ändert

Über rund 30 °C stellen viele Pflanzen die Spaltöffnungen teilweise zu, um Wasser zu sparen. Sie nehmen dann auch weniger auf, und die Blätter hängen mittags selbst bei feuchter Erde. Das ist ein Schutzmechanismus, kein Notfall. Bis zum Abend erholen sich die Pflanzen von selbst.

  • Morgens giessen, nicht mittags. Mittags landet ein grosser Teil in der Verdunstung, und kaltes Wasser auf heisser Erde stresst die Wurzeln.
  • Am Abend nachschauen: Hängen die Blätter dann immer noch, war es tatsächlich zu trocken.
  • Kleine Töpfe zusammenstellen. Sie beschatten sich gegenseitig und trocknen langsamer aus als einzeln stehend.
  • Über Mittag beschatten, wenn möglich. Ein Sonnensegel wirkt bei Topfpflanzen mehr als jede Zusatzgabe Wasser.

Ein paar Tage weg

Für Abwesenheiten bis etwa eine Woche reichen einfache Mittel. Automatische Bewässerung lohnt sich erst darüber hinaus.

  • Alle Gefässe an einen schattigen, windgeschützten Platz zusammenstellen. Das kann den Bedarf halbieren.
  • Vor der Abreise durchdringend giessen und mulchen.
  • Untersetzer bewusst gefüllt lassen: Für ein paar Tage ist das die kleinere Gefahr, allerdings nicht bei Kulturen, die Staunässe gar nicht vertragen.
  • Tonkegel oder umgedrehte Wasserflaschen funktionieren, wenn man sie vorher einmal testet. Die Abgabemenge schwankt stark je nach Erde.

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